Unsicherheit im Niger verschärft humanitäre Situation

Foto: © UNHCR Hélène Caux - Boussam, 15, mit ihrer Tochter im Flüchtlingslager Sayam Forage in Diffa. Als sie 13 war, wurde sie zusammen mit 200 anderen Mädchen von Boko Haram mehrere Monate lang gefangen gehalten.

Foto: © UNHCR Hélène Caux – Boussam, 15, mit ihrer Tochter im Flüchtlingslager Sayam Forage in Diffa. Als sie 13 war, wurde sie zusammen mit 200 anderen Mädchen von Boko Haram mehrere Monate lang gefangen gehalten.

UNHCR – Genf – 25 Mai 2016
UNHCR beobachtet zunehmende Unsicherheit und eine Verschlechterung der humanitären Verhältnisse in der Region um Diffa im Südosten von Niger. Laut Regierungszahlen von Mitte Mai, haben in der Region mehr als 241.000 nigerianische Flüchtlinge, nigrische Binnenvertriebene und aus Nigeria zurückkehrende Staatsangehörige des Niger Zuflucht gesucht. Die Sicherheitslage um die Stadt Diffa und Bosso im Osten hat sich in den letzten Monaten stark verschlechtert. In der Nähe provisorischer Camps, in denen nigerianische Flüchtlinge und Binnenvertriebene aus dem Niger leben, kam es zu einer Reihe von gewaltsamen Zwischenfällen, unter anderem auch zu Selbstmordanschlägen.

Etwa 157.000 Menschen haben sich auf der Flucht vor dem Terror der Boko Haram in 135 behelfsmäßigen Lagern niedergelassen. Diese säumen gut 200 Kilometer der Route National 1, eine der Hauptverkehrsstraßen des Landes, die parallel zur Grenze zwischen Nigeria und dem Komadougou-Fluss verläuft. Zwei große Märkte entlang der Straße sind seit April geschlossen, aus Angst vor Angriffen von heimlich eingeschleusten Rebellen. Dies trifft die Lebensgrundlage der Menschen und die lokale Wirtschaft. Von sieben Uhr abends bis fünf Uhr morgens herrscht Ausgangssperre in der Region, in der bereits Mitte Februar 2015 der Ausnahmezustand verhängt wurde.

Die meisten Binnenvertriebenen entlang der Route National 1 sind letztes Jahr aus dem Nordosten Nigerias vor Angriffen der Boko Haram geflohen. Zeitweilig erreichte die Gewalt auch Niger, was den Flüchtlingen keine andere Möglichkeit ließ, als sich entlang der Straße niederzulassen. Die benachbarten Städte und Dörfer beherbergen bereits Menschen aus früheren Fluchtbewegungen und haben keine weiteren Aufnahmemöglichkeiten. Viele der Menschen an der Route National 1 mussten bereits mehrfach fliehen. Die lokale und die vertriebene Bevölkerung haben Angst vor weiteren Angriffen.

Die Lebensbedingungen entlang der Route National 1 sind schwierig: ein abgelegenes Halbwüstengebiet mit Temperaturen die während der momentanen Trockenzeit bis zu 48 Grad Celsius erreichen können. In zwei bis drei Monaten folgen starke Regengüssen, welche die maroden Siedlungen überfluten könnten. Die Unterkünfte sind aus Stroh errichtet, die sanitären Anlagen sehr einfach, mit nur wenigen Latrinen und Duschen. Viele der Kinder haben keinen Zugang zu Bildung, teils aufgrund kaum vorhandener Schulen in den Nachbarorten. Wenn Schulen existieren, sind sie hoffnungslos überbelegt. Zudem mussten viele Schulen in unsicheren Gebieten entlang der Grenze schließen. Die Nahrungsmittelversorgung ist unregelmäßig und die örtliche Bevölkerung kann ihre knappen Ressourcen nicht immer mit den Vertriebenen teilen.

Die schlechte Sicherheitslage erschwert den Hilfsorganisationen die Unterstützung der Notleidenden. Die stets zunehmende Anzahl an Lagern und deren Abgelegenheit sowie ein Mangel an Finanzmitteln tragen hierzu weiter bei. Von 112 Millionen US-Dollar, die von 22 Hilfsorganisationen, darunter UNHCR, benötigt werden, um grundlegende Unterstützung in der Region um Diffa (Regional Refugee and Resilience Plan 2016 – RRRP2016) leisten zu können, sind bis jetzt lediglich 20 Millionen zur Verfügung gestellt worden. Bauern, Hirten, Fischer, Händler und Ladenbesitzer haben durch ihre Flucht und die Unsicherheit in der Region ihre wichtigsten Einkommensquellen verloren. Zusätzliche Finanzmittel sind dringend notwendig um die Lebensgrundlage dieser Menschen zu sichern, damit sie wieder selbständig leben und ein Teil der wirtschaftlichen Entwicklung der Region werden können.

Immer mehr Flüchtlinge und Binnenvertriebene äußern gegenüber UNHCR den Wunsch weiter zu ziehen und die unbeständige Situation entlang der Grenze hinter sich zu lassen. Sie befürchten, dass Rebellen ihre Siedlungen in Niger angreifen könnten, wie zuvor in Nigeria und Diffa. Auf Wunsch der Regierung begann UNHCR vor zehn Tagen mit der Umsiedlung von Hunderten von Flüchtlingen aus zwei provisorischen Camps entlang der Route National 1. Sie wurden in ein anderes Camp 50 Kilometer entfernt von der Grenze gebracht. Obwohl es die meisten bevorzugen außerhalb der Camps zu leben, haben sich viele aus Sicherheitsgründen und aufgrund des Zugangs zu Lebensmitteln und anderen Dienstleistungen dennoch für eine Umsiedlung entschieden. Das neue Camp beherbergt zurzeit etwa 3.000 Menschen. Die freiwillige Umsiedlung von Binnenvertriebenen aus den Grenzgebieten zu entfernteren Gegenden, in denen mehr Sicherheit gewährleistet werden kann, ist in naher Zukunft geplant.

Insgesamt sind 2,7 Millionen Menschen in der Region um das Tschadbecken aufgrund der Boko Haram aus ihrer Heimat vertrieben worden. 2,1 Millionen Menschen sind Binnenvertriebene innerhalb Nigerias. Darüber hinaus befinden sich 241.256 Vertriebene im Niger (82.524 nigerianische Flüchtlinge, 31.524 nigrische RückkehrerInnen, 127.208 Binnenvertriebene), darunter 157.945 entlang der Route National 1. Kamerun beherbergt 270.120 Vertriebene (64.938 nigerianische Flüchtlinge, 169.970 Binnenvertriebene, und 35.302 kamerunische RückkehrerInnen). 7.337 nigerianische Flüchtlinge befinden sich im Tschad.

UNHCR

 

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