UMFRAGE: Das Recht, den Zeitpunkt seines Todes selbst zu bestimmen

Foto: pixabay.com

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Haben wir das Recht, den Zeitpunkt unseres Todes selbst zu bestimmen?

Wie steht es mit dem Recht, sein Leben bei unerträglichen Schmerzen und schwerer, unheilbarer Krankheit selbstbestimmt und menschenwürdig zu beenden?

Laut dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland garantiert Art. 2 Abs. 1 GG das Recht eines jeden Menschen „auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt“. Dieses Recht der Selbstbestimmung umfasst das eigene Handeln und Entscheidungen über das eigene Leben und den eigenen Tod.

Soweit es das Recht auf Selbsttötung angeht, die ja nicht unter Strafe steht, stehen den Menschen, die nicht mehr länger am Leben bleiben wollen, in den meisten Fällen nur Mittel roher Gewalt gegen sich selbst zur Verfügung, um ihr Leben zu beenden. Erschießen, Pulsadern aufschneiden, in die Tiefe springen, vor den Zug werfen, sich selbst ertränken usw. An tödliches Gift, das schnell und zuverlässig und ohne lange Schmerzen und Qualen wirkt, gelangen die Wenigsten, ebenso wenig wie an Medikamente, die durch Überdosierung schnell, sicher und sanft zum Tode führen.

Wer sein Leben also aus individuellen Gründen, die anderen „nur“ vergleichbare Qualen bereiten ohne sie jedoch zum Selbstmord zu veranlassen, selbstbestimmt vorzeitig beenden will, muss sich bezüglich einer der in Frage kommenden gewaltsamen Todesarten in erster Linie selbst überwinden und das ist zum Selbstschutz auch gut so. Denn viele der Betroffenen wollen nicht unbedingt Sterben, sondern wollen sich töten, weil sie nicht mehr „auf diese Weise“ leben wollen. Es sind meist nur die Umstände, die den Menschen, auch in verzweifelten Lebenssituationen, den Willen und Mut zum Weiterleben nehmen und zum Entschluss des Suizids führen, nicht der unbedingte Wille zum Sterben. Den Beweis dafür liefert die Statistik missglückte Selbstmordversuche, nach der nur ein kleiner Bruchteil der Betroffenen erneute Suizidversuche unternimmt.

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Foto: Lupo / pixelio.de

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Das verhält sich bei einem Teil unheilbar Kranker, die unter unerträglichen Schmerzen und dementsprechend unvorstellbaren seelischen Qualen leiden, völlig anders. Auch vegetieren manche Menschen über Jahre vor sich hin, unfähig zu körperlichen Aktionen und abhängig von ständiger Betreuung und Pflege. Wenn diese Menschen bei klarem Verstand sind und den unabänderlichen Wunsch haben, ihr Leben zu beenden, ist das absolut verständlich und muss von Ärzten und Angehörigen akzeptiert werden. Die persönliche Entscheidung darf weder als richtig noch als falsch angesehen werden, sie ist einfach individuell bedingt.

Wenn Betroffene, die ihr Leben selbstbestimmt vorzeitig beenden wollen, zu Hause oder in einem Heim leben, aber nicht mehr besonders mobil sind, werden sie meist gar keine Gelegenheit haben, einen Ort zu erreichen, an dem sie einen Selbstmord verüben könnten. Außerdem müssten sie zu dessen Ausführung sehr viel Überwindung aufbringen, weil sie erhebliche Gewalt gegen sich selbst richten müssten. Eine Waffe dürften die wenigsten von ihnen zur Verfügung haben und für viele der Betroffenen dürfte nicht einmal in ihrem Haushalt eine sichere Möglichkeit, die Tat durchzuführen bestehen. Sie werden sich auch bewusst sein, dass ein Scheitern ihres Vorhabens ihre Leiden nur noch weiter verlängern würde.

Andere, unheilbar kranke Menschen mit unerträglichen Schmerzen, die nicht mehr weiterleben möchten, können sich alleine nicht einmal mehr aus ihrem Bett heraus bewegen. Obwohl der Tod für sie eine Erlösung wäre, gibt es kein frei käufliches Medikament, das Menschen mit Selbsttötungsabsicht durch eine Überdosis sanft einschlafen lassen würde, indem ihr Herz einfach aussetzt. Sie sind in jedem Fall auf externe Helfer, legal oder illegal, angewiesen. Angehörige oder fremde Menschen müssten demnach bereit sein, besonders wenn es sich bei den Helfern um Ärzte handelt, sich über moralische Gesichtspunkte und die gesetzlichen Fallen hinwegzusetzen. Da Selbsttötung nicht strafbar ist, ist an sich auch die Beihilfe dazu nicht strafbar. Doch nach der derzeitigen Gesetzeslage können Personen, die an der Beihilfe beteiligt sind, unter bestimmten Umständen dennoch wegen unterlassener Hilfeleistung, Verstoß gegen Arzneimittel- und Betäubungsmittelgesetze und ggf. Verstoß gegen die ärztliche Berufsordnung angeklagt und bestraft werden. An einer Selbsttötung als Helfer beteiligt zu sein widerspricht insbesondere der von den Ärzten selbst festgelegten ärztlichen Berufsordnung. Natürlich gibt es aber auch Mediziner, die Barmherzigkeit über moralische und standesrechtliche Bedenken setzen und schwer leidenden Patienten helfen, sich auf deren ausdrücklichen Willen und Bitten der Angehörigen hin, selbst zu erlösen.

In den weitaus meisten Fällen kann dem Patientenwunsch, sein Leben zu beenden, jedoch auf ganz natürliche Weise entsprochen werden, indem lebensverlängernde ärztliche Maßnahmen ausgesetzt werden, was in jeder für die Ärzte verbindlichen Patientenverfügung vorausbestimmt werden kann. Ebenso können der Abbruch von Behandlungsversuchen und der Verzicht auf Therapien bei gleichzeitiger Einleitung einer schmerzlindernder Sterbebegleitung den Tod auf humane Weise herbeiführen.

In einer Gesetzesinitiative hatten sich einige Politiker für eine Änderung der Gesetze über die Beihilfe zur Selbsttötung eingesetzt, nach der diese für Ärzte auch im Hinblick auf die bisher möglichen strafrechtlichen Konsequenzen wegen unterlassener Hilfeleistung und Verstoßes gegen Arzneimittel- und Betäubungsmittelgesetze keinen Straftatbestand mehr darstellen sollte. Voraussetzung dafür wäre im Einzelfall gewesen, dass die Beihilfe nur nach streng medizinisch festgelegten Kriterien und unter besonderen Voraussetzungen hätte Anwendung finden dürfen.

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Im Prinzip ist es so, dass wohl immer ärztliche Hilfe zur Selbsttötung erforderlich sein wird, da es Angehörigen, die ihren leidenden Familienmitgliedern auf intensive Bitten helfen möchten, einerseits kaum möglich sein wird, erforderliche Medikamente zu beschaffen, zweitens müssten sie dazu auch noch einen Apparat oder eine Vorrichtung besorgen, die es den Sterbewilligen ohne fremde Hilfe ermöglicht, das Mittel selbstbestimmt zu sich zu nehmen. Alles andere ist auszuschließen, da es sich dann um aktive Sterbehilfe handeln würde, die strafbar ist. Als einzige Alternative bliebe, dass sich Angehörige mit den todkranken Patienten auf den Weg in eines der Länder machen müssten, in denen aktive Sterbehilfe nicht strafbar ist, was aber wohl nur in äußerst wenigen Fällen durchführbar wäre.

Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung gegenteiliger Meinung war, hat der Bundestag im November 2016 ein neues Gesetz zur Sterbehilfe erlassen, das am 10.12.2015 in Kraft trat.

§ 217 Geschäftsmäßige Förderung der Selbsttötung

(1) Wer in der Absicht, die Selbsttötung eines anderen zu fördern, diesem hierzu geschäftsmäßig die Gelegenheit gewährt, verschafft oder vermittelt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Als Teilnehmer bleibt straffrei, wer selbst nicht geschäftsmäßig handelt und entweder Angehöriger des in Absatz 1 genannten anderen ist oder diesem nahesteht.

Dieses Gesetz soll verhindern, dass Einzelpersonen oder Sterbehilfevereine Suizidhilfe leisten, indem sie anderen geschäftsmäßig die Gelegenheit dazu gewähren, verschaffen oder vermitteln. Der Gesetzgeber will verhindern, dass derartige Angebote für Alte und Schwerstkranke zu einer Art Regelfall werden. Geschäftsmäßiges Handeln bedeutet, dass das Vorgehen eines „Täter“ von vornherein auf Wiederholung angelegt ist. Täter können Angehörige, Ärzte und Pfleger sein und bei der Strafbarkeit kommt es nur darauf an, dass der „Täter“ dem anderen die Gelegenheit zum Suizid geschäftsmäßig verschafft, gewährt oder vermittelt hat und nicht darum, ob der Suizid auch verübt worden ist.

Das Gesetz stellt die verbreitete Handlungsweise der Sterbehilfevereine, aber auch der Hospiz- und Palliativmedizin, insbesondere im onkologischen Bereich unter Strafe. Nach den Grundsätzen der sozialen Ethik wird Sterbehilfe von der Bevölkerung weniger als Straftat denn als moralische Unterstützung beim oder zum Sterben empfunden.

In Einzelfällen bleibt die Suizidhilfe weiterhin straffrei, insbesondere wenn als Rechtfertigungsgrund eine Einwilligung des Betroffenen vorliegt, die nach Möglichkeit protokolliert sein sollte. Zu den geschützten Rechtsgütern für jeden Bürger gehört nach der Gesetzesbegründung des § 217 das menschliche Leben und die individuelle Entscheidungsfreiheit potenziell Sterbewilliger.

Im Übrigen hatten sich bei einer von Medien durchgeführten Umfrage über zwei Drittel der Befragten für eine „aktive Sterbehilfe“ ausgesprochen, die es ermöglichen würde, den Zeitpunkt zur Beendigung des eigenen Lebens selbst zu bestimmen und sich dabei legaler Helfer oder spezialisierter Institutionen zu bedienen.

2myMind.de / g.m.

Würden Sie im Falle unsagbarer Qualen ihr Recht durchsetzen, Ihr Leben selbst zu beenden?

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