Rente mit Sechsundsechzig zwei Drittel

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Sehr geehrte Damen und Herren Politiker,

unter den gegebenen Umständen sei die Frage der Bürger erlaubt, ob einige von Ihnen nicht bemerken, dass sie die Verständnisbereitschaft der Bevölkerung überstrapazieren. Immer neue Forderungen einzelner Politiker werden laut, die in nicht mehr zu überbietender Weise die Bevölkerung verunsichern. Die Bürger kennen seit Jahrzehnten die Rente mit 65, dann kommt die Rente mit 67 ins Gespräch, plötzlich die Rente mit 63 und jetzt ganz neu: die Rente mit 70.

Die Rente mit 65 war klar, denn die gab es schon immer. Die ist aber nicht mehr finanzierbar, deshalb wird die Rente mit 67 Jahren eingeführt, doch wer wird die über 65-jährigen überhaupt noch weiter beschäftigen. Die Unternehmen wollen vielfach doch schon die Endfünfziger loswerden und erst wenige Unternehmen ändern ihre Einstellung dazu. Die meisten von ihnen, welche Personal bis 65 beschäftigen, sind eher froh, die ihrer Meinung nach „ausgelutschten“ Arbeitnehmer loszuwerden und denken gar nicht daran, sie etwa noch zwei Jahre weiter zu beschäftigen. Die Bürger fragen sich, was es unter diesem Umständen überhaupt für einen Sinn macht, die Beschäftigung bis zum Renteneintrittsalter von 67 Jahren festzulegen, wenn es kaum dementsprechende Arbeitsplätze gibt.

Jetzt ist vom Parlament darüber hinaus die Rente mit 63 Jahren als vorgezogene Altersrente ohne Abschlag, entgegen berechtigter Kritik und größter Bedenken beschlossen worden. Die Normalbürger haben Probleme, die Besonderheit der Rente mit 63, die nicht auf die große Masse zugeschnitten ist, zu begreifen.

Foto: ro18ger / pixelio.de

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Da können sich die völlig verwirrten Bürger doch nur fragen, ob denn der „wilde Haufen“ hochbezahlter Volksvertreter, die dem Volk doch in erste Linie dienen sollen, soweit durchgeknallt ist, dass es ihm nur noch gelingt, die Bevölkerung total zu verunsichern. Die Menschen fühlen sich in eine Klasse von wild durcheinander rufenden Sextanern zurückversetzt, von denen sich jeder mit seiner Antwort auf eine Frage des Lehrers mit seinem Wissen oder Halbwissen besonders hervortun will. Kaum einer von ihnen kennt allerdings die richtige Antwort. Bei den Politikern ist es ähnlich, doch da sie sich ja zwangsläufig irgendwann in der Öffentlichkeit profilieren müssen, damit sie bei der nächsten Wahl wieder gewählt werden und soviel Stimmen wie es geht erzielen, nutzen sie die Gelegenheit, mit solchen Reizthemen wie „Renteneintrittsalter“ möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen.

Doch diese Art von Verunsicherung der Bürger sorgt nur vermehrt dafür, dass der Frust über die Politiker immer mehr ansteigt, die sich ,nebenbei gesagt, fette Diätenerhöhungen selbst zugestehen, während sie gleichzeitig dem Volk klarmachen, dass es den Gürtel enger schnallen muss. Ein nicht unerheblicher Teil der Bürger soll schlucken, dass er nach einem langen Vollzeit-Arbeitsleben, nur vielleicht gerade noch soviel Rente bekommt, dass er keine Grundsicherung im Alter benötigt. Diejenigen mit niedrigem Einkommen müssen sowieso von vornherein damit rechnen, dass ihre spätere Rente durch die Grundsicherung aufgebessert werden muss. In beiden Fällen steht für Millionen betroffener Menschen nach dem Renteneintritt demnach nur das Weiterleben an der Armutsgrenze, ohne jede Chance auf einige Annehmlichkeiten, Reisen usw. in Aussicht.

Die Aufforderung der Politiker und Experten zur privaten Altersvorsorge, die praktisch für jeden zum „Muss“ wird, ist unter den gegebenen Umständen verständlich und richtig. Für die jetzigen Arbeitnehmer bedeutet dies jedoch, dass die Kosten dafür ihr für den Lebensunterhalt verfügbares Einkommen erheblich mindern.

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Aber das ist noch gar nicht der wesentliche Aspekt, der sich aus den verschiedenen Maßnahmen und Rufen zur weiteren Anhebung des Renteneintrittsalters ergibt. Jeder Politiker und Experte weiß, dass es sich bei den Forderungen nach Rente mit 65 bzw. sogar 70 Jahren in Wirklichkeit nur darum handelt, den zu erwartenden Bankrott unseres Rentensystems zu vertuschen und ein Eintrittsalter von 67 bzw. 70 Jahren nur dazu dient, auf diese Weise die heute in Arbeit stehenden, insbesondere jüngeren Generationen später zu zwingen, sich durch vorzeitige Rente mit erheblichen Abschlägen gegenüber der voll ausgezahlten Rente zufrieden zu geben. Die wenigsten werden es physisch und psychisch schaffen, wirklich voll bis zu diesen Zielalter durchzuarbeiten und dementsprechend resigniert vorher aufgeben.

Doch ist zu berücksichtigen, dass es bei einem Rentensystem, welches auf der Einzahlung der arbeitenden Bevölkerung in die Rentenkassen beruht, nicht weiter möglich ist, die generell älter, vielfach auch kränker und über lange Zeiträume pflegebedürftig werdende Bevölkerung zu versorgen. Wenn gegenüber früheren Zeiten bessere Lebensbedingungen, wie Ernährung, fortschrittliche Medizin, mehr Erholungsmöglichkeiten, längerer Urlaub usw. dazu geführt haben, dass die Menschen ein höheres Lebensalter bei guter Gesundheit und verlängerter Leistungsfähigkeit erreichen, ist die Forderung von Politikern und Ökonomen, sie auch länger im Arbeitsleben zu belassen, einerseits verständlich und in Bezug auf das bestehende Rentensystem gerechtfertigt, allerdings nur unter der Voraussetzung, dass …..

  •   es zutrifft, dass die Menschen mit 65 bis 70 noch leistungsfähig und gesundheitlich fit sind,
  •   Firmen überhaupt die Bereitschaft zeigen, Arbeitnehmer in dem Alter zu beschäftigen,
  •   Arbeitskräfte, ob jünger oder älter, in diesen Berufen überhaupt gesucht werden,
  •   Firmen mit teilweiser Leistungsminderung oder Arbeitszeitverkürzung einverstanden sind,
  •   Arbeitnehmer in dem Alter Leistungen ohne schwerwiegende Aussetzer erbringen können.

Allein die Tatsache, dass die Menschen in unserer Zeit soviel älter werden und sich ein 65-jähriger heute äußerlich physisch und scheinbar auch psychisch in einem Zustand wie vor wenigen Jahrzehnten ein 55-jähriger befindet, sagt ja prinzipiell noch nichts darüber aus, wie er durch Stress und Überforderung im Beruf gelitten hat und innerlich bereits ausgepowert ist. In solchen Fällen würde wohl kein Unternehmen einen Arbeitnehmer dieser Altersklasse noch bis zum Alter von 67 oder gar 70 Jahren beschäftigen, denn erstens wäre er gar nicht mehr in der Lage, die geforderte Leistung (ohne gesundheitliche Gefährdung) zu erbringen und er könnte, je nach Tätigkeit, sogar eine Gefahr für seine Kollegen oder den gesamten Arbeitsprozess darstellen.

Foto: knipseline / pixelio.de

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In dieser Beziehung irren die Politiker wie auch Experten, die lauthals das Renteneintrittsalter höher setzen wollen, denn der Mensch ist bekanntlich noch nicht zur Maschine mutiert und eigentlich überhaupt nicht für ein derartig langes Lebensalter, wie es jetzt normal ist, geschaffen. Insofern wäre ein generell für die Gesamtheit der Bevölkerung angehobenes Renteneintrittsalter nicht nur eine Mogelpackung, hinter der die Politik ihre Unfähigkeit, ein zukunftsfähiges Rentensystem zu entwickeln und einzuführen, versteckt. Denn die Festlegung der Rente mit 70 wäre eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit gegen alle, die vielleicht sogar gern noch bis 70 Jahren arbeiten würden und möglicherweise auch körperlich fit genug dazu sind, aber psychisch – kaum wirklich nachweisbar – außerstande dazu wären. Sie wären dann gezwungen, ohne sich wehren zu können, mit massiven Abschlägen von der „normalen“ Rente zu leben, sogar wenn sie tatsächlich erst mit 65 bzw. mit 67 Jahren in Rente gehen würden.

Schuld am vorprogrammierten Versagen des Rentensystems, das ganz wesentlich demografisch bedingt, durch das Älterwerden der Bevölkerung hervorgerufen wird, sind sicher nicht allein die Politiker und insofern ist ihnen das auch nicht vorzuwerfen.

Den Politikern und den Parteien ist aber vorzuwerfen, dass trotz jahrzehntelanger Kenntnis darüber, von Ihnen bisher keine wirklich brauchbaren Vorschläge oder gar Lösungen hervorgebracht worden sind, die zu einer Reform des Rentensystems geführt hätten. Schuld daran sind auch die gegensätzlichen Expertenmeinungen, die vielleicht im Einzelfall nachvollziehbar und verständlich sind, jedoch nicht den realen wirtschaftlichen und menschlichen Gegebenheiten entsprechen. Statt den Bürgern offen zu sagen, dass das System bei rückläufigen Geburtenzahlen und trotz Zuwanderung krankt und so auf Dauer nicht weiter haltbar ist, werden ihnen ständige neue Forderungen einzelner Politiker und Experten präsentiert.

Um der Debatte endlich ein Ende zu setzen, sollte das Renteneintrittsalter definitiv auf Sechsundsechzig zwei Drittel Jahre festgelegt werden, denn das wäre doch endlich mal ein sauberer Kompromiss, bei dem alle Bürger wüssten, woran sie wären.

2myMind.de / g.m.

 

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Die Redaktion fragt:
Weißt Du schon, in welchem Alter Du am liebsten in Rente gehen möchtest?

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