Psychopharmaka-Missbrauch in Alten- und Pflegeheimen

Foto: pixabay.com

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Ruhigstellung von Alten- und Pflegeheimbewohnern durch Psychopharmaka

Schon als junger Mensch musste ich vor Jahrzehnten die Erfahrung machen, in welch traurigem Zustand sich alte, pflegebedürftige Menschen befinden, die den Rest ihres Lebens in Alten- und Pflegeheimen zubringen.

Viele waren nicht nur vergesslich, sondern tatsächlich dement, abwesend, verwirrt, einsam in ihren kargen Zimmern oder ungemütlichen Fluren auf unbequemen Lehnstühlen sitzend. Sie saßen einfach nur da und warteten auf weiter nichts als auf die paar kleinen täglichen Höhepunkte des ihnen verbliebenen Daseins. Gemeint sind damit das Frühstück, das Mittagessen, eine kleine Zwischenmahlzeit am frühen Nachmittag und schließlich gegen sechs Uhr abends das Abendessen. Doch wurden diese vermeintlichen Höhepunkte eher als Notwendigkeit verstanden, gerade mal soviel Nährstoffe aufzunehmen, dass es zum Überleben reicht, denn die meisten der vorgesetzten Speisen schmeckten ihnen ohnehin kaum noch. Entweder spielten ihre Geschmacksnerven nicht mehr so recht mit oder sie konnten das durchaus akzeptable Essen mit ihren Zähnen oder schlecht sitzenden Gebissen nicht mehr richtig kauen.

Foto: Winfried Braun / pixelio.de

Foto: Winfried Braun / pixelio.de (Symbolbild)

Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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Reges Leben, etwa mit anregenden Unterhaltungen oder Spielen, wollte in Fluren oder Gemeinschaftsräumen von Pflegeeinrichtungen, die als Treffpunkte dienen sollten, aufgrund des Zustands der Bewohner natürlich auch nicht mehr aufkommen. Dabei gab es in der früheren Zeit noch wesentlich mehr Pflegepersonal, die Heime waren noch nicht so stark kommerzialisiert wie heute und manchmal gab es sogar ein Mindestmaß an liebevoller Betreuung. Allerdings war auch der Standard der Heime oft rückständig und sehr einfach.

Zustände in Alten- und Pflegeheimen häufig nicht zum Besseren verändert

In den letzten Jahrzehnten haben sich die Bedingungen drastisch verändert und wenn sich auch Komfort und Ausstattung der Zeit angepasst haben, so haben sich diese in der Gesamtheit nicht gerade zum Besseren entwickelt. Das Personal musste wegen der ständig steigenden Kosten und der von den Betreibern erwarteten Rendite massiv abgebaut werden und gute Fachkräfte werden, nicht zuletzt wegen der hohen Arbeitsbelastung und der schlechten Bezahlung immer rarer. Entsprechend haben sich die Kosten für die Heimbetreuung vervielfacht, weshalb bei vielen alten Menschen die Rente zur Kostendeckung in vielen Fällen nicht mehr ausreicht. In diesen Fällen müssen die Angehörigen oder der Staat zur Kostendeckung beitragen. 

Foto: chrionny / pixelio.de

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Foto: Damaris / pixelio.de

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Ich kann allerdings nicht begreifen, dass einerseits die radikalen Kosteneinsparungen beim Personal, andererseits die immensen Steigerungen der Betreuungskosten, also die hohen Einnahmen der Heimbetreiber zu dem erschreckenden Ergebnis geführt haben, dass die Betreuung der Bewohner vieler Heime dennoch völlig unzureichend ist und dass es vielfach an den kleinsten Dingen mangelt, die den alten Menschen einen minimalen Komfort sichern würden. Das Preis-/Leistungsverhältnis ist offenbar völlig aus den Fugen geraten. Bei den hohen Preisen der Betreuungskosten müsste doch zumindest eine gute Qualität der Betreuung gewährleistet sein. Aber gerade daran hapert es nach Bekundungen und Beschwerden vieler Angehöriger der Heimbewohner und sogar nach Untersuchungsberichten von Heimaufsichten. 

Diese Zustände sollten für die Politik Anlass genug sein, unabhängige Untersuchungen durchzuführen zu lassen, die von Grund auf analysieren, in welcher Weise die hohen Kosten der Heimunterbringung wirklich gerechtfertigt sind. Sind es tatsächlich die hohen Unterhaltskosten der Gebäude und Einrichtungen sowie die Personalkosten oder sind es etwa die ausufernden Renditeerwartungen der Betreibergesellschaften? Wenn letztlich die Renditevorgaben zu der schlechten Versorgung in den Heimen führen sollte, sind für die Zukunft auch keinerlei Verbesserungen zu erwarten.

Durch Personalmangel in Heimen ist häufig kaum die Grundpflege zu schaffen

Das Personal von Alten- und Pflegeheimen ist, nach übereinstimmenden Aussagen von Fachleuten und Verbänden, kaum in der Lage, die Grundpflege, für die es beispielsweise in der Frühschicht gerade mal 25 Minuten pro Bewohner zur Verfügung hat, ordentlich durchzuführen. Dazu gehören u. a. Waschen, Toilettengang, zwei Hauptmahlzeiten, eine Zwischenmahlzeit und weitere Tätigkeiten.

Angehörige brauchen sich deshalb kaum zu wundern, weshalb ihre kurz zuvor noch lebensbejahenden, munteren und an Kontakten sowie Unterhaltung interessierten Eltern, Großeltern oder Verwandten plötzlich eher lustlos, verwirrt und emotionslos in der Umgebung umherblicken und zu Gesprächen weder bereit noch in der Lage sind. Das liegt nicht allein am Gefühl der Bewohner, in ein Heim abgeschoben worden zu sein oder an einer daraus resultierenden Depression.

Es ist inzwischen ein offenes Geheimnis, dass viele alte Menschen von den Heimbetreuern ohne deren Einwilligung und Wissen mit Psychopharmaka vollgestopft werden. Dabei handelt es sich nicht nur um (harmlose) Schlafmittel, sondern auch um Medikamente, die sonst nur psychisch kranken Patienten nach strenger ärztlicher Indikation verabreicht werden dürfen. Schätzungen zufolge sollen diese Praktiken bei über 40 Prozent der Bewohner von Alten- und Pflegeheimen angewendet werden. Diese unzulässige Art der Ruhigstellung ist den Heimaufsichten, den Behörden und den Ministerien bekannt, in offiziellen Berichten werden diese Zustände von offizieller Seite aber generell totgeschwiegen.

Foto: I-vista / pixelio.de

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Sicher ist es aus praktischer Sicht des Heimpersonals, das nicht einmal in der Lage ist, in der zur Verfügung stehenden Zeit die ganz normale Betreuung der alten Menschen durchzuführen, in gewisser Weise verständlich, sich die Arbeit zu erleichtern. Als unzumutbar wird angesehen, alten verwirrten Bewohnern, die nicht mehr dafür verantwortlich sind, welche unsinnigen Handlungen sie begehen, die umherirren und gesucht werden müssen, die sich selbst und die Umgebung beschmutzen, ständig auf den Fersen zu sein. Auch ist es einfach nicht tragbar, sich neben der normalen täglichen Arbeitsbelastung um die Verhinderung oder Beseitigung von Schäden, die sie anrichten, zu kümmern. Damit argumentieren die Verfechter der Ruhigstellung durch Psychopharmaka, doch kann es deshalb erlaubt sein, auch weniger oder in dieser Hinsicht gar nicht auffälligen Personen, sozusagen vorbeugend, hoch dosierte Psychopharmaka zu verabreichen?

Ruhigstellung nicht kranker Heimbewohner ist gesetzeswidrig 

Durch Ruhigstellung werden die betroffenen Heimbewohner in ihrer Persönlichkeit beschnitten, ihnen werden die Chancen auf einige wenige Stunden für Kontakte mit anderen Bewohnern, ihren Angehörigen und vielleicht auf das eine oder andere kleine Erlebnis in ihrem ansonsten schon recht tristen Dasein verwehrt. In diesem Zusammenhang stellt sich aber auch die Frage, wie es dem Personal der betroffenen Heime gelingt, an die verschreibungspflichtigen Medikamente zu gelangen, die sie den Bewohnern verabreichen, die gar nicht psychisch krank sind. Werden Medikamente, die bestimmten Personen ärztlich verordnet worden sind, für die anderen mit verwendet oder stellen gewissenlose Ärzte auch für gesunde alte Menschen Rezepte für Psychopharmaka aus? Der Frage sollte nachgegangen werden!     

Das unberechtigte Ruhigstellen von nicht psychisch kranken Heimbewohnern ist gesetzlich nicht zulässig, stellt einen schwerer Eingriff in Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde dar und ist als Körperverletzung zu betrachten. Nur sind die Alten gar nicht mehr in der Lage, sich selbst dagegen zu wehren, auch setzen sich wohl nicht einmal viele Angehörige gegen diese Missstände ein und eine wirklich starke Lobby für die Wahrung der Rechte alter Menschen gibt es schon gar nicht. Dabei wird es absolut Zeit, dass in dieser Richtung etwas geschieht, oder wer von uns möchte die letzten Jahre seines Lebens unter derartigen Bedingungen verbringen müssen?

2myMind.de / g.m.

 

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Die Redaktion fragt:
Möchtest Du, dass einer Deinen Angehörigen im Alten- oder Pflegeheim zur Personalentlastung mit Psychopharmaka oder Schlafmitteln ruhiggestellt wird?

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