Politiker wollen die Wahrheit nicht wahrhaben

Foto: Deutscher Bundestag - Thomas Trutschel / phototek.net

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Politiker ignorieren die wahren Gründe für Vertrauensverluste bei den Wählern

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Jeder Unternehmer läuft Gefahr, gegenüber Widrigkeiten, die den Fortbestand seiner Firma beeinträchtigen könnten, betriebsblind zu werden. Sofern er nicht so stur ist, Umsatzrückgänge, beängstigende Zahlen in der Bilanz sowie Hinweise und Ratschläge von Mitarbeitern und Beratern unbeachtet zu lassen, sollte er dadurch selbst sensibilisiert werden, unternehmerisch gegenzusteuern. So kann er einer Schieflage seines Unternehmens vorbeugen oder dieses durch Umstrukturierung rechtzeitig in sichere Bahnen lenken. Der Unternehmer, der all dies versäumt, wird sich allerdings über kurz oder lang beim Konkursrichter wiederfinden und verliert im schlimmsten Fall nicht nur seine Firma, sondern auch sein Privatvermögen.

Nicht nur Unternehmer, auch Politiker können auf ihre Weise betriebsblind werden

Politiker, die den Hinterbänken des Parlaments entstiegen sind und wichtige Ämter bekleiden, insbesondere hohe Regierungsämter, können auf ihre Weise ebenfalls betriebsblind werden, beispielsweise wenn sich ihr Denken und Handeln durch Realitätsverlust auf einer Ebene bewegt, die kaum noch etwas mit der Welt des Normalbürgers gemein hat. Eine andere Form der Betriebsblindheit kann sie persönlich betreffen, wenn sie die Vertrauensverluste gegenüber ihrer eigenen Person und ihrer Politik weder wahrnehmen noch richtig deuten. Das steht in engem Zusammenhang mit ihren ständigen Streben nach politischer Macht innerhalb ihrer eigenen Partei, des Parlaments, der Regierung der sie angehören und nicht zuletzt innerhalb einer Staatengemeinschaft wie der EU. Zum einen sind sie dann offensichtlich nicht mehr in der Lage, ihre eigene Situation soweit zu analysieren, um sich darüber klar zu werden, wie weit ihr eigener Stern tatsächlich bereits gesunken ist. Andererseits ist es unter diesen Umständen für sie keine Option, die Fehler ihrer eigenen Politik einzusehen, sondern sie klammern sich sklavisch an Schutzbehauptungen, entweder dass die Wähler ihre politischen Entscheidungen nicht verstanden hätten, oder ihre politischen Aussagen eine andere Bedeutung gehabt hätte, als sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Wenn Politiker Fehler eingestehen, heißt es meist „man hätte Fehler gemacht“

Foto: Q-pictures / pixelio.de

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Wenn aber mal Fehler zugegeben werden, ist so gut wie nie zu hören, dass Politiker bestimmte Fehler konkret benennen, sondern dann ist zu hören „man“ hätte Fehler gemacht oder Fehler werden grob pauschalisiert. Fehler werden jedoch grundsätzlich nur zugegeben, wenn Wahlergebnisse so miserabel für die Kandidaten und ihre Partei ausfallen, dass schon gar keine Möglichkeit zur Beschönigung mehr bleibt. Eine weitere Ursache dafür, Fehler gezwungenermaßen zugeben zu müssen, liegt darin, dass Politiker in der Weise von Kritik aus eigenen Reihen, aus der Wirtschaft, von Verbänden und vor allen Dingen von den Medien vor sich hergetrieben werden, dass Ihnen kein anderer Ausweg mehr bleibt. Die politische Taktik ist dann, ein gewissen Teil der Schuld an begangenen Fehlern zuzugeben, diesen aber möglichst von der eigenen Person weg zu verlagern. Im Grund geht es dabei in erster Linie immer darum, aufkommende Kritik möglichst flach zu halten und die Massen der Bürger zu beruhigen, bis die Umfragewerte wieder stimmen. Man hofft darauf, dass einmal abgehandelte Fehler ein für allemal im Meer der Ereignisse versanden.

Politiker stellen ihre eigenen Fehler und die ihrer Partei häufig in der Weise dar, dass sie es versäumt hätten, den Wählern ihr Programm richtig zu vermitteln

Dem Vorwurf der Schuld am eigenen Versagen und der seiner Partei gegenüber Politikern wird häufig entgegen gehalten, man hätte es leider nicht verstanden, das eigene Programm sowie die Argumente dafür den Wählern so verständlich und deutlich zu machen, dass diese dann ihre Partei auch gewählt hätten. Weiter wird argumentiert, dass bestimmte Parteien, die keine Substanz und nicht einmal ein nachvollziehbares Wahlprogramm haben, die Wähler durch Sprücheklopfen und mit nicht realisierbaren Versprechungen gelockt hätten, ohnehin aber nur von Protestwählern gewählt würden.

Es scheint also alles halb so schlimm zu sein, wenn da nur nicht das eigene miserablen Wahlergebnis wäre. Auf den Gedanken, dass frühere Fehler sich im Gedächtnis der Wähler festgesetzt haben, kommen diese Politiker nicht. Ebenso wenig kommen sie darauf, dass die Bürger ihnen ihre Fehler derart übel nehmen, dass sie ihnen als Kandidatin oder Kandidat bei der nächsten Wahl ihre Stimme nicht mehr geben. Auch scheint die Tatsache keine Rolle zu spielen, dass die praktizierte Politik ihrer Partei für die Wähler nicht mehr akzeptabel ist. Voller Selbstüberschätzung scheint die innere Einstellung vieler Politiker zu sein: “Unser Programm ist das einzig Richtige, nur Ihr Wähler seid bloß zu blöd, das zu begreifen“.

Erkennen Politiker wirklich nicht, dass ihr eigenes Versagen ausschlaggebend ist?

Foto: Stephani Bröge / pixelio.de

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Wie betriebsblind müssen Politiker denn sein, um nicht zu erkennen, dass das eigene Versagen, die eigenen politischen Fehler ausschlaggebend zum Vertrauensverlust bei den Wählern geführt haben. Jedes Unternehmen müsste den Laden dicht machen, wenn auf Grund eines eingetretenen Vertrauensverlustes zwei Drittel seiner Kunden plötzlich wegbleiben würden. Statt dass Politiker aber ihre Fehler eingestehen, offen diskutieren und einen echten Weg zur Umkehr beschreiten würden, glauben sie, mit einem einmaligen und womöglich durch desaströse Wahlergebnisse erzwungenen Eingeständnis von Fehlern sowie mit einer einzigen Versicherung des Bedauerns ließen sich ganze Fehlerserien mal eben so unter den Teppich kehren. Nach einem solchen Eingeständnis hoffen sie auf die Devise “vergeben und vergessen” und fühlen sich, wie nach einer Beichte, derart befreit von der Schuld, dass sie weder an ihrer Befähigung noch am Wählerauftrag zweifeln und völlig ungeniert und in anmaßender Weise eine erneute Kandidatur für das innegehabte Amt anstreben. Das Volk wird damit einfach für dumm verkauft und sieht sich zudem noch dem beliebten Spiel der Politiker ausgesetzt, Probleme und unangenehme Situationen einfach auszusitzen.

Kein Bürger kann von Politikern erwarten, dass sie völlig fehlerfrei handeln

Es heißt, wo gearbeitet wird, werden Fehler gemacht, davon ist die Politik nicht ausgeschlossen. Jeder vernünftige Mensch wird das einsehen und auch nicht von Politikern erwarten, als Übermenschen völlig fehlerfrei zu handeln. Es kann und darf in der Demokratie aber auch nicht akzeptiert werden, dass einige wenige Politiker entweder einzelne Fehler begehen, die Schäden, angefangen bei Beträgen in sechsstelliger Höhe bis hin zu mehreren Milliarden Euro, verursachen, oder sich erlauben können, so viele Fehler in Serie zu machen, wie sie wollen, ohne die geringsten Konsequenzen tragen müssen. Dass solche Politiker dann auch noch hoffen, ihre fehlerhafte Politik mit erneutem Wählerauftrag fortsetzen zu dürfen, ist ebenso der blanke Hohn, als wenn sie nach ihrem Abgang aus hohen politischen Ämtern fünfstellige Ruhegehälter bis an ihr Lebensende genießen dürfen.

01.10.2016 – 2myMind.de / g.m.

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