Kinderarmut in Deutschland

Ranking der Kinderarmut in reichen Ländern: Deutschland landet auf Platz 15

Foto: Henning Hraban Ramm  / pixelio.de

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Im Januar 2012 ging die Nachricht durch die Medien, dass die Zahl der in Hartz-IV-Familien lebenden 15-jährigen zwischen 2009 und 2011 um 257.000 gesunken wäre, während in Deutschland immer noch 1,6 Millionen Kinder von Hartz IV lebten. Der Vorstand der Bundesanstalt für Arbeit (BA) legte das als Erfolg aus, da die Jobcenter den Eltern Arbeitsplätze vermittelt hatten und betonte, daß die Chancen auf Arbeit deutlich besser als in den Jahren zuvor wären.

Die BA verwies auf große regionale Unterschiede beim Rückgang der Zahlen. Während der Rückgang in Bremen, Hamburg und Nordrhein-Westfalen eindeutig unter dem Bundesdurchschnitt lag, betrug er in Bayern 22 Prozent. Am schlechtesten schnitt Berlin mit einem Minus von nur 1,2 Prozent ab. Der BA-Vorstand musste zugeben, dass Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik noch nicht überall intelligent aufeinander abgestimmt waren. Er forderte ein besseres Zusammenwirken von Kindergärten, Schulen, Kirchen, Wohlfahrtsverbänden und Unternehmen, um die Entwicklung von Hartz-IV-Generationen zu verhindern.

Ende Februar 2012 warnte der Paritätische Wohlfahrtsverband trotz des Rückgangs vor einer Verfestigung der Kinderarmut in Deutschland. Dessen Hauptgeschäftsführer, Ulrich Schneider, beklagte die skandalös hohe Kinderarmut und stellte fest, dass die gute Arbeitsmarktentwicklung bei den Kindern in Hartz IV kaum ankäme. Er forderte eine Reform des Kinderzuschlags und eine massive Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze für Kinder mit der Begründung, dass Hartz IV derzeit Kindheiten zerstören würde.

Kinderreiche Familien, Familien mit Migrationshintergrund und Alleinerziehende wären nach einer Studie am meisten von Armut bedroht, weshalb Schneider die Arbeitsmarkt- und Sparpolitik der Regierung kritisierte. Allein der Ausbau der Kinderbetreuung wäre unzureichend, da 50 Prozent der alleinerziehenden Frauen ohne abgeschlossene Berufsausbildung wären. Ohne gezielte Unterstützung bei beruflicher Qualifizierung und geförderte Arbeitsplatzangebote würde es den meisten Alleinerziehenden nicht gelingen, auf Hartz-IV-Unterstützung verzichten zu können.

In einer Ende Mai 2012 veröffentlichten Vergleichsstudie beklagte Unicef die deutsche Kinderarmut. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen zeigte sich enttäuscht, dass Deutschland auf einer Rangliste der Kinderarmut in reichen Ländern, in der 29 Länder miteinander verglichen wurden, nur den 15. Platz erreichte.

Obwohl Dänemark, Schweden und Deutschland bei wirtschaftlicher Entwicklung und Einkommen auf annähernd gleicher Ebene lagen, war die Kinderarmut in Deutschland 6 ½ mal so hoch wie in Schweden und fast 3 ½ mal so hoch wie in Dänemark. Die wichtigsten Ergebnisse des Unicef-Berichtes über Benachteiligungen von Kindern:

  •   4,9 Prozent müssen auf tägliche warme Mahlzeiten verzichten
  •   4,4 Prozent haben keinen festen Platz, um ihre Hausaufgaben zu machen
  •   3,7 Prozent besitzen höchstens ein einziges paar Schuhe
  •   3,1 Prozent der unter Sechzehnjährigen erhalten ausschließlich getragene Kleidung
  •   3,0 Prozent haben keinen Internet-Anschluss im Haushalt und sind dadurch benachteiligt
  •   6,7 Prozent fehlt es an angemessenen Freizeitaktivitäten

Dem Bericht zufolge liegen entscheidende Ursachen für die Mangelsituation bei der Situation der Eltern. 42 Prozent der Fälle liegt Arbeitslosigkeit zugrunde und bei 36 Prozent haben die Eltern einen niedrigen Bildungsabschluss.

Kinderarmut bedeutet aber auch, dass viele Kinder auf kostenpflichtige Ausflüge mit Kindergarten und Schulklasse, auf Besuche von Festen und Veranstaltungen, auf Klassenreisen und auf all die schönen und verlockenden Dinge, mit denen ihre wohlhabenderen Kameraden auftauchen und auch noch angeben, verzichten müssen. Die provozierend stolze Vorführung ihrer neuen Markenklamotten und das Selbstbewusstsein, das sie dadurch an den Tag legen, muß bei den armen Kindern das blanke Entsetzen über die langsam wachsende Erkenntnis ihrer eigenen Situation hervorrufen.

Familien werden vom Staat mit Förderungen wie Kindergeld, Wohngeld oder Sozialgeld für Kinder unterstützt. Aufgaben der Familienpolitik sind Vorbeugung und Bekämpfung von Kinderarmut, dazu gehören zur Diskussion stehende Vorhaben, wie die Einführung von Mindestlohn, die Abschaffung von Kosten für Schul- und Kindergartenessen oder Wohnungsbauprojekte zur Verhinderung und Entschärfung sozialer Brennpunkte. Das Hauptaugenmerk muss insgesamt gesehen darin liegen, zu verhindern, dass aus armen Kindern arme Erwachsene werden.

Obwohl sich gemeinnützige und kirchliche Organisationen, Schulen und Privatinitiativen für der Linderung von Kinderarmut einsetzen und sich nicht zuletzt soziale Einrichtungen und Kinderhilfswerke in deutschen Großstädten für die Verbesserung der Situation armer Kinder verwenden, reichen diese Initiativen bei weitem nicht aus, um großflächige Erfolge zu erzielen.

2myMind.de / g.m.

 

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Die Redaktion fragt:
Reicht die staatliche Unterstützung und Förderung aus? Oder sollte bei den rückläufigen Geburtenzahlen mehr zur Beseitigung der Kinderarmut getan werden?

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