Flughafen Tegel: Provinzielles Gerangel um ein Tor zur Welt

Foto: Marion Schmieding / Alexander Obst / Flughafen Berlin Brandenburg

Foto: Marion Schmieding / Alexander Obst / Flughafen Berlin Brandenburg

Flughafen Tegel muss offen bleiben! Provinz-Politiker verbauen der Metropole Berlin die Zukunft im Herzen Europas

 

Berlin bietet reichlich Skandale, die eher zum Weinen als zum Lachen verleiten. Einen außergewöhnlichen Fall zum Weinen stellt zweifellos das BER-Debakel dar.

Es gibt Skandale in Berlin, über die der Bürger den Kopf schüttelt und drüber lacht. Die mehrfache Verschiebung der Eröffnung des neuen Berlin-Brandenburger Flughafens BER ist dagegen eher zum Weinen, hat sie doch ganz eindeutig das völlige Versagen der Verantwortlichen aus der Politik und der alten BER-Geschäftsführung offenbart. Zum Weinen für alle von der Verschiebung direkt wirtschaftlich Betroffenen, insbesondere Air Berlin, aber auch für alle reisefreudigen Bürger, waren dabei nicht nur die Schwierigkeiten mit der unbeherrschbaren Technik und der Unmenge von Baumängeln. Mehr noch war es die fehlende Einsicht der Politiker und hochdotierten ehemaligen Geschäftsführer von BER über ihr eigenes Unvermögen.

Nicht minder zum Weinen in der Gegenwart ist in diesem Zusammenhang aber die Ignoranz* der Landespolitiker von Berlin und Brandenburg in Bezug auf den einzig verbliebenen innerstädtischen Berliner Flughafen Tegel (TXL), der nach Eröffnung des BER endgültig geschlossen werden soll.

Single-Airport nicht verkehrsgerecht, sondern nur politisch motiviert

Foto: Günter Wicker / Berlin Brandenburg Airport

Foto: Günter Wicker / Berlin Brandenburg Airport

Frühere Geschäftsführungen des BER waren mit am politischen Plan zugunsten eines Single-Airports in Schönefeld beteiligt, um diesen politisch überhaupt durchsetzen zu können. In den vielen Jahren, die nach dem Planfeststellungsbeschluss vergangen sind, haben sich stattliche Zuwachsraten im Berliner Flugverkehr ergeben, die ein Umdenken in Bezug auf die Festlegung auf einen Single-Airport unerlässlich machen.

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt 2013 hatte Hartmut Mehdorn, als neuer Geschäftsführer der Flughafen Berlin-Brandenburg GmbH, diesen wunden Punkt mutig und ehrlich angesprochen und in der weiteren Diskussion handfeste Gründe dafür vorgetragen, Tegel länger offen zu lassen. Dafür wurde er prompt von der Politik abgestraft, ohne dass diese seine Argumente auch nur ernsthaft zur Kenntnis genommen hatten. Weiterhin unbeachtet von der Politik blieben auch wiederholt Umfragen, wonach etwa zwei Drittel der Berliner für die Erhaltung Tegels sind.

Dass der BER aber tatsächlich schon eine zu geringe Kapazität hat, wenn er denn irgendwann eröffnet wird, ist längst durch mehrfache Gutachten und Aussagen von Fachleuten bestätigt worden. Bei dem zu erwartenden Zuwachs im Weltluftverkehr wird sich insbesondere auch Berlin, ob wir Berliner es wegen der Überflüge des Stadtgebiets und der Lärmentwicklung freiwillig akzeptieren oder nicht, letztlich doch zu einem Luftverkehrs-Drehkreuz für den Verkehr nach Osteuropa und nach Asien entwickeln.

Hauptstadtflughafen: Ja gerne, aber internationales Drehkreuz, Nein Danke!

In dieser Beziehung war die Politik in der Vergangenheit, wie in anderer Hinsicht oft genug auch, insbesondere aber im Streit um die künftigen Abflugrouten, zu den Bürgern und Wählern unehrlich. Auch die alte Führung der Flughafengesellschaft hat dem nicht widersprochen und die Bürgerinitiativen, die zwar die Kröte des Hauptstadtflughafens schlucken mussten, doch entschieden gegen ein Drehkreuz protestierten, beschwichtigt. Die Politik hat die Menschen im Glauben gelassen, dass sich BER keinesfalls zu einem internationalen Drehkreuz für Flüge zwischen vielen Ländern Europas und Asiens entwickeln werde. Doch angesichts der Überlastung anderer Drehkreuze in Europa bleibt gar keine andere Option, als BER in dieser Richtung auszubauen. Außerdem ist es wirtschaftlicher Zweck eines neuen Flughafens dieser Größenordnung, zu wachsen und sich zum Wohle der ganzen Region zu entwickeln und Gewinne zu erwirtschaften. Hat wirklich jemand geglaubt, der BER werde Fluggesellschaften, die in Berlin landen wollen, abweisen?

Foto: Flughafen Berlin Brandenburg / Archiv

Foto: Flughafen Berlin Brandenburg / Archiv

Hinzu kommt, dass Berlin eine Metropole ist, die weiter wachsen wird. Wir Berliner müssen uns klarwerden, was wir eigentlich wollen: Eine Hauptstadt mit allem Drum und Dran oder eine riesengroße Provinz-Idylle. Doch wenn die Politik den Bürgern von Anfang an die ganze Wahrheit gesagt hätte, wäre wahrscheinlich wegen andauernder Proteste und gerichtlicher Klagen bis heute noch nicht einmal der Grundstein zum Terminal des BER gelegt worden.

Die ständig wachsende Auslastung des Flughafens Tegel zeigt, dass BER nach Eröffnung sehr bald einen starken Zuwachs zu verzeichnen haben und an der Kapazitätsgrenze operieren wird. Die Politik nimmt die ständigen Warnungen, dass sofort nach der Eröffnung mit Erweiterungsbauten begonnen werden muss, überhaupt nicht ernst. Bis die unbedingt notwendigen Erweiterungen des BER in Form eines Satellitenterminals für dann insgesamt vielleicht 40 Millionen Passagiere politisch beschlossen, geplant, baulich genehmigt, dutzende Male bestreikt, hundertmal geändert und nach etlichen Pannen dann eines Tages vielleicht fertig sein werden, haben die Passagierzahlen vermutlich schon die Grenze von 40 Millionen überschritten. Dann wäre das Limit schon wieder erreicht und der BER würde mit seiner Kapazität dem Bedarf ständig hinterherhinken. Vorausschauende Sicht scheint weder die Stärke der derzeitigen Berlin-Brandenburger „Provinzpolitiker“ zu sein, noch war sie es bei den ursprünglichen Flughafen-Planern.

Vorausschauende Sicht nicht die Stärke Berlin-Brandenburger „Provinzpolitiker“

 

Foto: Günter Wicker

Foto: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Bei der wachsenden Einwohnerzahl, der ständig zunehmenden Zahl von Touristen und Geschäftsreisenden und nicht zuletzt der künftig in Berlin umsteigenden Passagiere, braucht man sich doch nur mal eine Luftaufnahme des Terminals und den BER-Lageplan mit seinen für eine Erweiterung vorgesehenen Flächen anschauen, um selbst als Laie festzustellen, dass dessen Kapazität für die fernere Zukunft mit vielleicht 50 oder mehr Millionen Passagieren nicht ausreichen kann. Schon bei Aufnahme des Flughafenbetriebes müssen viele Flugzeuge statt an Fluggastbrücken auf dem Vorfeld abgefertigt werden und die Fluggäste müssen äußerst unbequem mit Vorfeldbussen transportiert werden und bei jedem Wetter im Freien die Flugzeuge besteigen oder verlassen. Das ist doch kein moderner Großflughafen einer Weltmetropole, das ist eher eine Mogelpackung.

Doch was geschieht, wenn das Szenario des Überschreitens der absoluten Kapazitätsgrenze trotz zusätzlicher Satelliten-Terminals in vielleicht schon 10 bis 15 Jahren nach der Eröffnung von BER Realität wird? Kaum eine andere Metropole der Welt, und dabei braucht sie nicht gleich 10 Millionen Einwohner und mehr zu haben, beschränkt sich auf nur einen einzigen Verkehrsflughafen, was ja unter Umständen auch bei einschneidenden Verkehrs-Störungen oder bei wetterbedingten Umleitungen von größter Bedeutung sein kann.

Berlin lässt sich in der Welt auslachen , weil Politiker die Zukunft verschlafen

Deshalb steht schon jetzt fest, dass die Welt auch in Zukunft genügend Grund haben wird, über die kurzsichtigen Entscheidungen der „Provinzpolitiker“ der deutschen Hauptstadt den Kopf zu schütteln und Deutschland auszulachen. Die politischen Verantwortungsträger scheinen irgendwie noch immer in den Zeiten des isolierten

Foto: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Foto: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Westberlin und der DDR stehengeblieben zu sein und verhindern somit die Weiterentwicklung Berlins zur Metropole, die wir alle nicht aufhalten können und wollen.

Auf längere Sicht gesehen, stellt sich doch schon jetzt die Frage, was soll geschehen, wenn BER eine Ausbaustufe erreicht haben wird, bei der keine Erweiterung mehr möglich sein wird? Das steht ja für den Fall in Aussicht, wenn die Realisierung einer in absehbaren Zeit mit Sicherheit erforderlichen dritten Startbahn politisch nicht durchsetzbar ist und auch kein Gelände für ein weiteres großes Terminal zur Verfügung steht? Was soll geschehen, wenn Tegel dann bereits stillgelegt ist, die Landebahnen abgebaut oder unbenutzbar sind, das Gelände mit Bauten unterschiedlicher Art zugebaut ist, kurz gesagt, wenn TXL nicht mehr reaktivier bar ist? Was soll geschehen, wenn dann unausweichlich eine starke Kapazitätserweiterung für Berlin erforderlich wird, weil auch die weitere Entwicklung der Stadt unabdingbar davon abhängig ist?

Vorausschauende Weitsicht von Politikern und Planern ist gefragt

Mag sein, dass das erst in etwas fernerer Zukunft der Fall sein wird, doch eines Tages wird es soweit sein. Der vorausschauenden Weitsichtigkeit unserer Vorväter in der Politik und bei der Stadtentwicklung ist es zu verdanken, dass die Stadt Berlin über großzügige Verkehrswege verfügt, z.B. breite Hauptverkehrsadern für den Straßenverkehr, die Berliner U-Bahn, die S-Bahn, die Infrastruktur des Eisenbahnknotenpunktes Berlin und die Stadtautobahn. Auch war es verkehrspolitisch weise, die jahrzehntelang verwaisten S-Bahntrassen in der Zeit

Foto: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

Foto: Günter Wicker / Flughafen Berlin Brandenburg GmbH

des Kalten Krieges nicht, wie vielfach gefordert, abzureißen und zu bebauen, weil ja der Verkehr angeblich ohnehin auf Busse ausweichen werde. Diese Weitsichtigkeit ist derzeitigen „Provinzpolitikern“ völlig fremd.

Während sich bei heute vorausschauender Planung die späteren Anforderungen an eine starke Erweiterung der Fluggastkapazität allein durch die gemäßigte Weiternutzung des Flughafens Tegel automatisch lösen würden, würde im gegenteiligen Fall, also wenn Tegel erst einmal stillgelegt ist, irgendwann der Neubau eines zweiten Flughafens im Umland Berlins unumgänglich werden. Dann käme wohl Sperenberg wieder ins Gespräch, was einen völligen Neubau mit neuen Verkehrsanbindungen erforderlich machen würde und zur Folge hätte, dass unbeschreiblich hohe Kosten auf Berlin und Brandenburg zukämen.

Was aber sich noch viel schlimmer für mindestens die Hälfte der Berliner aus den nördlichen Bezirken und dem nordwestlichen, nördlichen und nordöstlichen Brandenburger Umland auswirken würde, wäre die Tatsache, dass dann beide Berliner Flughäfen sich südlich von Berlin, mit langen bzw. sehr langen Anfahrtswegen befänden.

Klare Konsequenz: Kein Single-Airport BER – Tegel muss dauerhaft offen bleiben!

Der Flugverkehr gehört zu unserem modernen Leben und immer mehr Menschen nutzen das Flugzeug zum Reisen. Die Flugzeuge sind sehr viel sicherer, leiser und sauberer geworden und diese Entwicklung wird sich fortsetzen. In zwanzig bis dreißig Jahren werden Flugzeuge mit neuen Hybridantriebskonzepten, wie sie bei Boeing und Airbus bereits in der Planung sind, Lärm- und Schadstoffemissionen weiter reduzieren.

Da sich der Fortschritt ohnehin nicht aufhalten lässt, denken wir lieber jetzt schon mit Weitblick an die Zukunft, denken wir an zukünftige Generationen und entscheiden wir uns für den dauerhaften Flugbetrieb in Tegel. Der könnte ja beispielsweise mit einer Aufteilung, nach der internationale Verbindungen und der Umsteigeverkehr über BER abwickelt werden, reine Charter- und Billigflugverbindungen dagegen über Tegel, durchaus seine Daseinsberechtigung beweisen.

* Ignoranz Bedeutung: Unwissenheit, Unkenntnis, Ahnungslosigkeit

28.10.2013

2myMind.de / g.m.

 

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Die Redaktion fragt:
Wie ist Deine Meinung: Single-Airport BER oder zwei Airports: BER plus TXL?

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