East Side Gallery

East Side Gallery nichts als Rummel? Dennoch ist sie für Berlin sehr wichtig

Foto: Marc Tollas / pixelio.de

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Eigentlich war die Mauer, die heute die East Side Gallery verkörpert, nichts weiter als eine 1,4 km lange Hinterlandmauer, die unmittelbar an die Mühlenstraße in Friedrichshain grenzte. Dahinter erstreckte sich neben der mehrspurigen Verkehrsader ein weitestgehend nur etwa 30 m breiter Streifen, auf dem sich alte Kaianlagen am Spreeufer erstreckten. Die dahinter fließende 80 bis 120 Meter breite Spree gehörte zu DDR-Zeiten auf voller Breite zu Ost-Berlin, was sich darin ausdrückte, dass Boote der Nationalen Volksarmee (NVA) das Gewässer auf voller Breite kontrollierten und oft dicht bis ans Kreuzberger Ufer heranfuhren. Erst dort befand sich die eigentliche Grenze von West-Berlin zur DDR und es spielten sich in diesem Bereich zwei Flüchtlingsdramen ab. Im Laufe der Zeit ereigneten sich in der Nähe der Oberbaumbrücke weitere Todesdramen, bei denen insgesamt vier spielende Kinder in der Nähe des Ufers ertranken. Westberliner Retter durften ihnen nicht zu Hilfe kommen, weil sie die Eröffnung des Feuers durch NVA-Soldaten und somit die Bedrohung ihres eigenen Lebens befürchten mussten.

Die Mauer der East Side Gallery hatte mit der eigentlichen Grenze gar nichts zu tun, sie war lediglich dazu da, DDR-Bürgern den freien Zugang zum potentiellen Fluchtweg “Spree” zu verwehren, denn zum Hafengelände hatten nur speziell ausgewählte Personen Zugang.

Die East Side Gallery verklärt die brutale Realität der Berliner Mauer 

Foto: Marc Tollas / pixelio.de

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Nach der Wende wollten weder die Berliner noch die Politik irgend etwas von der Mauer sehen, obwohl es leicht möglich gewesen wäre, etwa in der Nähe des Brandenburger Tores, des Reichstages, am Checkpoint Charly in der Friedrichstraße oder am Potsdamer Platzes eine Zeile der Originalmauer zur Erinnerung zu erhalten. Das wäre im Sinne der historischen Aufarbeitung und der Bedeutung für den zu erwartenden Tourismus wichtig und bedeutungsvoll gewesen, was unsere damaligen Westberliner Politiker in der Euphorie des Mauerfalls aber nicht begriffen haben.

Das an der Bernauer Straße in Mitte einzig verbliebene Original-Mauerstück mit Spuren und Resten von Grenzsperren gehört zur gegenüberliegenden Berliner Mauer-Gedenkstätte mit offiziellem Dokumentationszentrum, kann aber keinen realistischen Eindruck von den tatsächlichen Schrecken des dahinter liegenden Todesstreifens zur Zeit der Maueröffnung geben. Einen derartigen Todesstreifen, wie ihn die Berliner und die Besucher der Stadt an vielen Stellen mit eigenen Augen nach dem Mauerfall besichtigen konnten, hat es an der Mauer der East Side Gallery nicht gegeben.

Sehen heute bei dem ganzen Rummel um die East Side Gallery weder die verantwortlichen Politiker, noch die Medien, worin die eigentliche Gefahr dieses Hype für die Stadt Berlin und für ganz Deutschland liegt? Die Berliner Mauer wird künftigen Generationen gerade hier und viel mehr als an der eigentlichen Gedenkstätte in Erinnerung bleiben, obwohl sie hier nicht als brutales und verbrecherisches Instrument zur Unterdrückung eines ganzen Volkes, mit Stacheldrahtbarrieren, Panzersperren, Tretminen und Selbstschussanlagen in Verbindung zu bringen ist. In den Augen der Weltöffentlichkeit wird demzufolge über kurz oder lang eine hässliche, dafür aber mit hübschen, teilweise kulturell wertvollen Graffity-Kunstwerken internationaler Künstler aufgemotzte Betonmauer die Realität einfach verdrängen und verniedlichen. Besucher der Stadt werden sich fragen, was die Deutschen eigentlich gegen eine so hübsch geschmückte Mauer einzuwenden hatten, so schlimm war die doch gar nicht.

Die East Side Gallery mit realistisch nachgebautem Todesstreifen und Gedenkstätte macht Sinn

Heute sucht jeder Tourist noch vorhandene Original-Mauerreste so gut wie vergebens, allenfalls in der wenig attraktiven und abseits gelegenen Bernauer Straße in Mitte, an der Niederkirchner Straße in Mitte und eben an der East Side Gallery in Friedrichshain. Nach dem Mauerfall hat sich für das damals absolut trostlose Mauerstück kein Mensch interessiert, weil dieses mit der Grenze nichts zu tun hatte. Erst als Künstler begannen, die Trostlosigkeit mit Graffiti und ihren Kunstwerken zu überdecken, wurde sie allgemein in Berlin, in Deutschland und später weltweit bekannt.

Foto: andi-h / pixelio.de

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Der Hype um dieses Mauerstück, das nie ein Teil der eigentlichen “Berliner Mauer” war, ist einfach unverständlich und die historischen Kenntnisse der Protestler gegen den Abriss der East Side Gallery sind absolut lückenhaft. Es handelt sich um nichts weiter als eine künstlich zur “Berliner Todes-Mauer” hochstilisierte Sicherungsmauer innerhalb Ost-Berlins.

Hasselhoff´s Einsatz für die East Side Gallery war reinster Zirkus

Wahrscheinlich hatte es der für die Goldene Himbeere 2013 (Schlechtester Nebendarsteller) zumindest als Sänger mehr als nötig, an seinen alten Brandenburger-Tor-Erfolg von 1989 “Looking for Freedom” anzuknüpfen. Er lieferte mit seinem scheinbar selbstlosen, in Wahrheit jedoch äußerst selbstbedachten Einsatz den besten Beweis dafür, dass die East Side Gallery in ein völlig falsches Licht gerückt wird. Das Brandenburger Tor ist gut für jede Art von Feier, die ehemalige Mauer sollte nicht als Rummelplatz oder für Zirkusveranstaltungen missbraucht werden, sondern dem Gedenken dienen. Selbstverständlich sollte sie weder ganz noch vollständig abgerissen werden und die Kunstwerke sollten restauriert und geschützt werden.

Schon aus touristischen Überlegungen sollte alles Erdenkliche getan werden, um diese “Attraktion” möglichst vollständig zu erhalten. Konsequenterweise sollte die Politik sich dann aber auch überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, auf einem geeigneten Teil des Geländes, das jetzt lediglich brach liegt, einen großflächigen, originalgetreuen Nachbau von Grenzsicherungsanlagen mit Todesstreifen zu errichten, der die brutale Realität der zu DDR-Zeiten üblichen Todesstreifen eindrucksvoll demonstriert: Stacheldrahtzäune, Panzersperren, Minenfelder, Selbstschussanlagen und Wachtürme. Allerdings jedoch ohne jeglichen Rummel oder Zirkus drumherum. Wenn schon die East Side Gallery nicht authentisch ist, wäre es vertretbar, eine solche Anlage zur historischen Anschauung und zur Abschreckung für spätere Generationen zu schaffen. Die wachsende Zahl der Touristen und die nachwachsenden Generationen der Deutschen würden ein solches Konzept sicherlich dankbar bestätigen.

2myMind.de / g.m.

 

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Die Redaktion fragt:
Sollte die East Side Gallery eher dem Gedenken dienen oder dem Touristenrummel?

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