Air Berlin Desaster – Wäre die Zerschlagung vermeidbar gewesen?

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Wie Air Berlin ohne den Versuch, einen Kernbereich zu erhalten, zugunsten von Lufthansa zerschlagen wurde

Air Berlin war jahrzehntelang ein ernsthafter Konkurrent im deutschen Flugverkehr und ein Repräsentant für Berlin. Zuletzt verhinderte Ihr eigener Geschäftsführer, dass Angebote zur Weiterführung der Airline überhaupt in die engere Wahl kamen.

In den letzten Wochen und Monaten sind in allen Medien sehr viele Beiträge über die sich zuspitzende Situation und schließlich über den Konkurs von Air Berlin veröffentlicht worden. Anzumerken ist, dass der überwiegende Teil der Berichterstattung sachlich blieb, einige Autoren aber nichts Besseres zu tun hatten, als wegen der Häufung von Pannen auf die sichtlich dem Ende zusteuernde Airline auch noch zusätzlich einzuprügeln. Das war nichts anderes, als wenn man einem Sterbenden in den letzten verzweifelten Wochen seiner tödlichen Erkrankung die eigenen Fehler in seinem Verhalten, aber auch schief gelaufene Ereignisse während der Behandlung, die er nicht immer selbst zu verantworten hatte, zum Vorwurf machen würde.

Als Air Berlin bereits am Boden lag, traten Medienvertreter noch kräftig nach

Dass in Fällen des öffentlich bekannt gegebenen Konkurses von Firmen einerseits das Vertrauen der noch verbliebenen Kunden schwindet, liegt auf der Hand. Und dass bei den Managern und dem Personal die Nerven im Hinblick auf ihre Zukunft blank liegen, ist nicht zu verleugnen. Selbst dass bei Subunternehmern, die für so manche Panne im Betriebsablauf verantwortlich sind, Unsicherheit herrscht, ob sie weiterbeschäftigt werden und ob ihre ausstehenden Rechnungen noch bezahlt werden, müsste auch jedem verständlich sein. In solchen Situationen passieren Fehler. Sicher sind den Fluggästen durch einige Vorfälle zum Teil äußerst unangenehme Folgen erwachsen. Aber deshalb die Fluggesellschaft, an einem Punkt, an dem eine Rettung ohnehin nicht mehr zu erwarten ist, der Schlagzeilen wegen noch weiter zu verteufeln, halte ich für schändlich, denn es trifft nicht anonym die Gesellschaft, sondern das Personal. Das haben die knapp 8.500 ehemaligen Mitarbeiter von Air Berlin nicht verdient. Auf einen, der am Boden liegt, sollte niemand noch mit Füßen eintreten. Und es sollte nicht vergessen werden, das Air Berlin allein in den letzten 10 Jahren ca. 270 Millionen Passagiere sicher an ihr Ziel gebracht hat und in guten Zeiten auch wegen ihres Service sehr beliebt war.

Pleite von Air Berlin, die am Tropf der Golf-Airline Ethihad hing, war absehbar

Angesichts der seit Jahren zunehmenden Verluste von Air Berlin, die am Tropf der Golf-Airline Ethihad hing, ohne dieser die erwünschte Menge Passagiere als Zubringer zum Hub Abu Dhabi in den Vereinigten Emiraten zuführen zu können, war schon Anfang des Jahres mit einer Pleite der Airline zu rechnen. Darüber und über die weitere Entwicklung bis zur jetzt erfolgten Eröffnung des Konkursverfahrens muss an dieser Stelle nicht zusätzlich berichtet werden.

Angebliches Lufthansa-Interesse am Fortbestand von AB war offenbar geheuchelt

Interessant ist jedoch die Rolle der Lufthansa in diesem Spiel. Zunächst erklärte Lufthansa ihr Interesse an Air Berlin, ohne allerdings bereit zu sein, die immensen Schulden von voraussichtlich 1,5 Milliarden Euro mit zu übernehmen. Soweit dürfte das jedem verständlich sein. Bekräftigt wurde das Lufthansa-Engagement insbesondere dadurch, dass im Februar 2017 der „Lufthansa-Mann“ Thomas Winkelmann im Austausch gegen den glücklosen Geschäftsführer Stefan Pichler die Führung der Airline übernahm. Unbedarfte Betrachter sahen dies als Vorbereitungsmaßnahme, dass Lufthansa nach einem Konkurs und Entledigung aller unrentablen Geschäftsbereiche eine abgespeckte neue Air Berlin in den Konzern eingliedern würde. Schließlich hatte Air Berlin als beliebter Sympathieträger und Carrier, der in seiner Geschichte ohne schwerwiegende Unfälle mit Totalschaden und Todesfällen operierte, nicht nur Passagiere in alle Teile Europas, des Nahes Ostens, in die USA, die Karibik und nach Asien transportiert, sondern auch Berlin angemessen repräsentiert.

Obwohl Ehtihad noch Finanzmittel zugesagt hatte, kam das Ende sehr plötzlich

Viele dürften schockiert gewesen, sein, als Thomas Winkelmann am 15. August 2017, nach Bekanntgabe der Konkursanmeldung verlauten ließ, dass Lufthansa zwar an der Übernahme des größten Teils der Mittelstreckenflotte der Air Berlin mitsamt den zum Betrieb notwendigen Slots auf den Flughäfen interessiert sei, nicht aber an den Langstrecken und den dafür eingesetzten Maschinen. Außerdem verkündete er, dass der Name Air Berlin verschwinden werde. Damit wurde klar, dass Lufthansa die Gelegenheit nutzen würde, sich auf diese Weise mit einem Schlag die lästige Air Berlin Konkurrenz im Europaverkehr vom Halse zu schaffen. Gleichzeitig würde ein riesiges Paket frei werdender, technisch optimal gewarteter Leasing-Flugzeuge für den schlagartigen Ausbau ihrer Billigtochter Eurowings zur Verfügung stehen. Im Nachhinein ist zu vermuten, dass Lufthansa nie mit dem Gedanken gespielt hat, Air Berlin in irgendeiner Form zu erhalten. Davon zeugt auch, dass alles dafür spricht, dass Winkelmanns Verhandlungslinie offensichtlich auch vom Sachwalter der Gläubiger und vom Generalbevollmächtigten im eigenverwalteten Konkursverfahren voll mitgetragen wurde. Für Bieter, die eine Weiterführung und Sanierung der nach dem Konkurs restrukturierten Airline geplant hatten, schien dem Vernehmen nach nicht die geringste Chance zu bestehen, überhaupt in die engere Auswahl zu kommen. Weshalb sonst würde einer der Bieter das Konkursverfahren als Farce und als abgekartetes Spiel bezeichnen. Und weshalb sonst verlautet von Seiten dieses Bieters, dass er dagegen klagen wolle?

Air Berlin oder Lufthansa legen keine Beweise vor, dass Rettung unmöglich wäre

Wie die desaströse Situation sich bei der mittlerweile bekannt gewordenen Zahl von 1,9 Milliarden Euro Schulden wirklich darstellte und ob eine andere Lösung, die einem Teil der Airline das Weiterbestehen als neue Air Berlin ermöglicht hätte, bleibt nicht Eingeweihten erst einmal verschlossen. Zumindest haben bisher weder Air Berlin noch Lufthansa überzeugend dargelegt, dass außer einer in der jetzt durchgeführten Weise vorgenommenen Zerschlagung, gar kein anderer Weg möglich gewesen wäre. Zu klären wäre auch die Rolle der Bundesregierung, die Air Berlin einen Zwischenkredit von 150 Millionen Euro zur vorläufigen Sicherstellung des Flugbetriebes bis zur vorbereiteten Zerschlagung gewährt hat. Die Regierung war demzufolge offensichtlich eingeweiht, einbezogen und einverstanden, diese Pläne allein zugunsten von Lufthansa durchzusetzen. Da erhebt sich doch die Frage, ob die Regierung nicht gleichermaßen verpflichtet gewesen wäre, sich für den zumindest teilweisen Erhalt von Air Berlin im Sinne einer gesunden Konkurrenz im deutschen Luftverkehr zugunsten der Verbraucher einzusetzen?

Lufthansa und Easy Jet übernehmen von AB nur Geschäftsbereiche und Slots

Fest steht allerdings, dass weder Lufthansa/Eurowings mit der Übernahme von 80 und Easy Jet von 25 Air Berlin Flugzeugen mit ihren Kaufpreisen von 210 bzw. 40 Millionen Euro nicht den Kaufpreis für die Maschinen bezahlt, denn es handelt sich sämtlichst um Leasingflugzeuge. Die beiden Airlines zahlen obige Beträge dafür, dass sie die Geschäftsbereiche, also die Flugstrecken und die dafür erforderlichen Start- und Landeslots übernehmen können, ohne die selbst die Flugzeuge nichts wert wären. Ansonsten dürften die Gebrauchtflugzeuge, je nach Alter, insgesamt einen mittleren einstelligen Milliardenwert darstellen.

Ohne Flug- und Bodenpersonal nützen Lufthansa die Geschäftsbereiche wenig

Aber selbst vorhandene Slots und Flugzeuge nutzen einer Airline, die eine massive Erweiterung ihres Angebots plant, nichts ohne das entsprechende Flug- und Bodenpersonal. Und das steht, zumindest theoretisch, den Gesellschaften in Form des arbeitslos gewordenen Air Berlin Personals in ausreichendem Umfang zur Verfügung. Doch diese scheinbar sowohl für Lufthansa/Eurowings und Easy Jet auf der einen und den ehemaligen Air Berlin Mitarbeitern auf der anderen Seite glücklich erscheinende Folgeerscheinung des Konkurses hat für die Air Berliner einen bitterbösen Beigeschmack. Eurowings wird ehemaliges Air Berlin Personal nur zu wesentlich schlechterer Bezahlung und dem Vernehmen nach auch zu insgesamt schlechteren Arbeitsbedingungen einstellen, die vielen als inakzeptabel erscheinen.

Ausfall von AB und Monopolisierung von Flugstrecken schaden dem Wettbewerb

Die Monopolisierung, die sich auf einigen Strecken für Lufthansa/Eurowings aus dem Wegfall des Air Berlin Angebotes ergibt, bedeutet für Passagiere eine Verschlechterung, zumal Lufthansa schon jetzt höhere Preise verlangt. Soweit diese künftig von Eurowings bedient werden, muss wohl auch mit einer Minimierung des Service gerechnet werden, zumal von ausgesprochen schlechtem Service selbst auf Interkontinentalflügen von Eurowings berichtet wird. Wir verfolgen die weitere Entwicklung und berichten darüber.

2myMind – g.m. 22.11.2017

 

Alternativbild

Hätte Lufthansa einen Kern von Air Berlin unter dem Namen erhalten und sanieren sollen?

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