Über die Hälfte der schulfähigen Kinder besucht keine Schule

Foto: pixabay.com – Ein typisches Flüchtlingslager

UNHCR macht Bildungskrise unter Flüchtlingen deutlich

Über 3,7 Millionen und damit mehr als die Hälfte der sechs Millionen schulfähigen Kinder unter UNHCR Mandat, können derzeit keine Schule besuchen.

UNHCR | 15. September 2016

GENF, Schweiz – Über 3,7 Millionen und damit mehr als die Hälfte der sechs Millionen schulfähigen Kinder unter UNHCR-Mandat besuchen keine Schule, heißt es in einem UNHCR-Bericht, der am heutigen Donnerstag veröffentlicht wurde.

Rund 1,75 Millionen Flüchtlingskinder besuchen dem Bericht zufolge keine Grundschule und rund 1,95 Millionen jugendliche Flüchtlinge keine Sekundarschule. Bei Flüchtlingen ist die Wahrscheinlichkeit eines Schulbesuchs um ein fünffaches niedriger als im globalen Durchschnitt.

“Dies ist eine Krisensituation für Millionen Flüchtlingskinder“, sagt UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi. „Die Bildung von Flüchtlingen wird stark vernachlässigt, obgleich es einer der wenigen Möglichkeiten ist, die wir für die kommenden Generationen umsetzen und aufbauen müssen, damit die Schicksale von mehreren zehn Millionen vertriebenen Menschen weltweit verändert werden können.“

Der Bericht vergleicht UNHCR-Daten über die Bildungssituation von Flüchtlingen mit Daten der UNESCO. Demnach haben nur 50 Prozent aller Flüchtlingskinder Zugang zu Grundschulbildung, während der globale Durchschnitt bei mehr als 90 Prozent liegt. Im zunehmenden Alter wird diese Kluft sogar noch größer: Nur 22 Prozent der jugendlichen Flüchtlinge besuchen eine Sekundarschule. Im weltweiten Durchschnitt sind es 84 Prozent. 34 Prozent von ihnen schlagen einen höheren Bildungsweg ein und besuchen eine Universität. Bei Flüchtlingen sind es lediglich ein Prozent.

Bildung als Schlüssel für eine bessere Zukunft

Der Bericht ist vor dem zentralen UN-Gipfel zu Flüchtlingen und Migranten und dem von US-Präsident Obama initiierten Gipfel der Staats- und Regierungschefs zur globalen Flüchtlingskrise am 19. und 20. September 2016 veröffentlicht worden. Auf beiden Gipfeln ruft UNHCR Regierungen, Geber, humanitäre Organisationen, Partner der Entwicklungszusammenarbeit und den privaten Sektor dazu auf, die Verpflichtungen, jedem Kind Schulbildung zu ermöglichen, zu verstärken. Betont werden soll in diesem Zusammenhang auch die Erreichung des Sustainable Development Goal 4, das integrative und qualitativ hochwertige Bildung für alle und die Förderung des lebenslangen Lernens zum Ziel hat. Ein Ziel, das bis 2030 ohne die Erfüllung des Bildungsbedarfs der vulnerablen Bevölkerung, einschließlich der Flüchtlinge, nicht realisiert werden kann.

„Bei Überlegungen der internationalen Gemeinschaft, wie die Flüchtlingskrise bestmöglich zu bewältigen sei, ist es essenziell über Kernaspekte des einfachen Überlebens hinaus zu denken“, sagte Grandi. „Bildung ermöglicht es Flüchtlingen sowohl ihre eigene Zukunft als auch die ihres Herkunftslandes, positiv zu gestalten, wenn sie eines Tages zurückkehren.“

Zusätzlicher Bedarf bei derzeitiger Entwicklung

Während der Bericht auch den Fortschritt von Regierungen, UNHCR und Partnern im Bereich Bildung betont, ist es ein Kampf schierer Zahlen. War die weltweite Anzahl von Flüchtlingen im Schulalter mit 3,5 Millionen in den ersten zehn Jahren des 21. Jahrhunderts relativ stabil, ist diese Zahl seit 2011 jährlich um 600.000 gestiegen. Allein im Jahr 2014 ist die Anzahl von Flüchtlingen im schulfähigen Alter um 30 Prozent gestiegen. Bei diesem Tempo geht UNHCR davon aus, dass im Durchschnitt mindestens 12.000 zusätzliche Klassenräume und 20.000 zusätzliche Lehrer jährlich gebraucht werden.

Flüchtlinge leben oftmals in Regionen, in denen selbst Regierungen Schwierigkeiten haben ihre eigenen Kinder angemessen unterrichten zu können. Sie stehen dann vor der zusätzlichen Herausforderung Schulplätze, Lehrer und Unterrichtsmaterial für Zehntausende Neuankömmlinge bereitzustellen, die oftmals nicht die Landessprache sprechen und drei oder vier Jahre keine Schule mehr besucht haben. Mehr als die Hälfte jener Flüchtlingskinder befinden sich in nur sieben Ländern: Tschad, der Demokratischen Republik Kongo, Äthiopien, Kenia, Libanon, Pakistan und der Türkei.

Die Auswirkungen von Konflikten

Am Beispiel Syrien wird im Bericht deutlich, wie Konflikte die positiven Trends im Bereich Bildung umkehren können. Während noch in 2009 94 Prozent der syrischen Kinder eine Grundschule und unteren Sekundarbereich besuchten, waren es im Juni 2016 lediglich 60 Prozent. Das bedeutet dass 2,1 Millionen Kinder und Jugendliche in Syrien keinen Zugang zu Bildung haben. Von den 4,8 Millionen Syrern in den Nachbarländern, die durch UNHCR registriert sind, sind rund 35 Prozent im schulfähigen Alter. In der Türkei sind es nur 39 Prozent der Kinder und Jugendliche im schulfähigen Alter, die in einer Schule angemeldet sind, 40 Prozent im Libanon und 70 Prozent in Jordanien. Das bedeutet das knapp 900.000 syrische schulfähige Kinder und Jugendliche keinen adäquaten Zugang zu Bildung zu haben.

Fortschritte beim Zugang zu Bildung

Auf der Syrien-Konferenz im Februar diesen Jahres in London haben sich die internationalen Geldgeber zu dem Plan verpflichtet 1,7 Millionen syrische Flüchtlinge und betroffene Kinder der Aufnahmegemeinden im Libanon, Jordanien, Ägypten, Irak und der Türkei, sowie 2,1 Millionen Kinder in Syrien in die Schule zu schicken. Die Arbeit der Aufnahmeländer in diesem Zusammenhang ist beeindruckend. Libanon und Jordanien haben ihr Doppelschichtsystem in Schulen weiter verstärkt, 90 Prozent der syrischen Flüchtlingskinder in Ägypten besuchen eine Schule und die Türkei hat erneut ihre Bemühungen verdoppelt, mehr Kinder in Schulen zu schicken. Allerdings sind bisher nicht alle versprochenen Gelder geflossen, was die weitere positive Entwicklung gefährden könnte.

„Der Fortschritt, der sich in Ägypten, Jordanien, im Libanon und in der Türkei beobachten lässt, zeigt die Möglichkeiten auf, Bildungsperspektiven ins Positive zu wenden, wenn die internationale Gemeinschaft investiert“, sagt Grandi. „Die Regierungen der Islamischen Republik Iran und des Tschad gehen mit ihrer Politik zur Einschulung von Flüchtlingskindern in örtlichen Schulen mit guten Beispiel voran.“

Inspirierende Erfolgsgeschichten

Der Bericht nimmt auch die langandauernden Flüchtlingssituationen ins Visier, die weniger Aufmerksamkeit bekommen. So wird die bemerkenswerte Geschichte von Esther, einer jungen Sudanesin, erzählt, die im Kakuma-Flüchtlingscamp im Norden Kenias lebt. Esther hat es geschafft zahlreiche verpasste Schuljahre aufzuholen und erreichte nun das letzte Jahr der Sekundarschule. Nur drei Prozent der Kinder im Kakuma-Camp besuchen wie Esther eine Sekundarschule und weniger als ein Prozent schaffen es zu höherer Bildung.

UNHCR ruft Regierungen dazu auf die Inklusion von Flüchtlingskindern in das nationale Schulsystem und einen mehrjährigen Bildungsplan zur Priorität zu machen. Im Tschad hat der kürzlich stattgefundene Übergang aller Schulen in das nationale System sowohl die Flüchtlinge als auch die Kinder der Aufnahmegemeinschaft unterstützt. Allerdings resultiert der Mangel an finanziellen Mitteln zu überfüllten und schlecht ausgestatteten Klassenräumen.

In Anbetracht der Tatsache, dass die durchschnittliche Dauer der Fluchtsituation zurzeit 20 Jahre beträgt, ruft der Bericht die Geldgeber dazu auf den Übergang von Nothilfe zu entwicklungspolitischen Lösungsansätzen zu schaffen. Diese sollen eine nachhaltige Planung, ein hochwertiges Programm, sowie ein solides Monitoring der Bildungsangebote für Flüchtlingskinder und lokale Kinder und Jugendliche ermöglichen.

Der Bericht endet mit der inspirierenden Geschichte von Nawa, einem somalischen Flüchtlingsmädchen, das ihre Schulkarriere erst im Alter von 16 Jahren in einem Gemeinschaftszentrum in Malaysia begann. Nach weniger als vier Jahren besucht sie nun einen Vorbereitungskurs für ein Studium an der Universität. Nebenbei unterrichtet Nawa als freiwillige Lehrerin an ihrer alten Schule.

„Nawa’s Geschichte zeigt, dass es niemals zu spät ist in die Bildung von Flüchtlingen zu investieren. Ein Investment in die Ausbildung eines Flüchtlings bedeutet, dass die gesamte Gemeinschaft profitiert“, sagte Grandi.

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